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Architecture

Bilbao-Effekt oder Zugang für alle

Dum Colos­seum sta­bit, Roma sta­bit; dum Roma sta­bit, mundus sta­bit.” Über­set­zt heißt es in dem Zit­at des Theo­lo­gen und Geschichtss­chreibers Beda Ven­er­ab­il­is: “Solange das Kolos­seum steht, wird Rom bestehen; solange Rom steht, wird die Welt bestehen.” Diese Bes­chreibung der “Ewi­gen Stadt” mit ihr­em welt­ber­üh­mten Kolos­seum (Amphi­theatrum Flavi­um) ver­deut­licht, welche Bedeu­tung dem römis­chen Amphi­theat­er zuteil wurde und noch heute wird. Unter Kais­er Ves­pasi­an erbaut, von seinem Sohn Tit­us vol­len­det sow­ie 80 nach Chris­tus eröffnet, war das Kolos­seum stets ein magis­cher Anziehung­spunkt. Nicht nur für die Menschen der Met­ro­pole Roms, son­dern auch für Reis­ende aus aller Welt. Geschicht­en, Legenden und Halb­wahrheiten rank­ten und ranken sich um die dam­a­li­gen Aufführungen und Gla­di­atoren­spek­takel im größten Amphi­theat­er der anti­ken Welt.

Somit ist das römis­che Kolos­seum ein kul­tureller Botschafter – ja ein tour­istischer Anziehung­spunkt oder Leucht­turm – der die Jahrtausende über­standen hat und von dem die Hauptstadt Itali­ens noch heute profitiert.

Ortswech­sel. Sie stehen in Bil­bao, Ham­burg und Sydney. Mit ihr­er Präsenz und Bekan­ntheit sind sie die kul­turel­len Wahrzeichen und tour­istischen Aus­hängeschilder, weit über die jew­ei­li­gen Met­ro­polen hinaus. Die Rede ist von den architek­ton­is­chen Höhepunk­ten der genan­nten Städte mit ihren steinge­worden­en Kul­tur­tem­peln namens Gug­gen­heim-Museum im baskischen Bil­bao, der Ham­burger Elb­phil­har­monie und der Sydney Opera. Alle drei Kun­st­stät­ten stehen sym­bol­isch für den Ver­such, mit ein­er Leucht­tur­mar­chitek­tur im Kunst- und Kul­turbereich die öffent­liche Aufmerksamkeit zu bind­en (Bil­bao-Effekt). Dam­it eng verknüpft sind die Wün­sche in den Rathäusern, ein­er vom Abschwung bed­ro­ht­en Stadt zu neuem Glanz zu ver­helfen, am Reißbrett ent­wor­fene anonyme Stadtvier­tel aufzuwer­ten, oder sch­licht mehr Besuch­er anzulocken.

Vom Wettbe­w­erb und der Vielfalt
Den han­delnden Per­son­en in den Städten ist es nicht zu ver­ü­beln. Gerade auf­grund eines zun­ehmenden Konkur­renz- und Ver­drän­gung­skampfes zwis­chen den Städten, der in den let­zten Jahrzehnten im Zuge eines neo­lib­eralen Zeit­geistes Ein­zug in den Amtss­tuben gehal­ten hat. Es geht auch im städtischen Umfeld um das freie Spiel der Kräfte. Sehr gele­gen kom­mt das allen mög­lichen Lobby­grup­pen. Die haben jede Menge Dauer­wettbe­w­erbsmaschinen erfun­den, um Städte mit aller­lei Preis­en zu verse­hen. Sei es in puncto Digit­al­is­ier­ung, der Mobil­ität oder der Stadtbe­grünung. Nichts, was es nicht gibt. Jede noch so abstruse Idee eignet sich für ein­en Wettbe­w­erb in unser­en auf Sieger aus­gerichteten mod­ernen Städten und Gesell­schaften. Logisch, dass der Kunst- und Kul­turbe­trieb an dieser Stelle nicht außen vor bleibt. Und so stel­len viele Met­ro­polen die Weichen mit neuen Bib­lio­thek­en, Museen sow­ie Theat­er­häusern. Der Ruf soll den neuen Kul­tur­tem­peln vorau­sei­len, so wie einst das Kollo­s­eum im anti­ken Rom. Ein Weg, der in unser­er vielschichti­gen und kom­plex­en Zeit nicht zwin­gend zum eigent­lichen Ziel führt. Und das heißt im Kunst- und Kul­turbereich eigent­lich: Viel­falt fördern, Freiräume ermög­lichen sow­ie Exper­i­menti­er­feld­er zulassen.

Inhalt und Architektur?
In diesem Kon­text müssen die Aus­sagen eines Beitrags des Goethe-Insti­tuts zu: “Sehenswert — von Ham­burg bis Bil­bao” zumind­est krit­isch hin­ter­fragt wer­den: “Kul­tur­insti­tu­tion­en wie Theat­er, Konzer­thäuser und Bib­lio­thek­en stehen im harten Wettbe­w­erb mit den neuen vir­tuel­len Medi­en. Deshalb müssen sie immer aufwendi­ger und attrakt­iver wer­den. Und sie sind am erfol­greich­sten, wenn Inhalt und Architek­tur gleich­er­maßen faszinier­en.” Schwi­erig, denn erstens können sich “ana­loge” Kul­ture­in­rich­tun­gen und “vir­tuelle Medi­en” gut ergän­zen. Bestes Beis­piel sind die neuen Bib­lio­thek­en – von Aar­hus bis Stut­tgart. Der­en Trans­form­a­tion von ein­er rein ana­lo­gen Bildungsstätte ver­gan­gen­er Tage hin zu digitalen Anwendun­gen und Medi­en ist unüber­se­hbar. Beides wird bedi­ent, das ana­loge Buch und die digitale Welt des Lesens und Lernens. Und dav­on profit­ier­en diese Kul­turstät­ten, auch als mod­erne Begegnungs- und Veranstaltungsorte.

Zweitens stellt sich die Frage wer Treiber dieser vir­tuel­len Medi­en sind? Etwa die Besuch­er und Nutzer, die zwin­gend eine Digit­al­is­ier­ung von Kunst und Kul­tur fordern? Oder stehen hinter den For­der­ungen andere Interessen, etwa der von digitalen Konzernen? Keine Frage: In Kris­en­zeiten, wie etwa in der aktuel­len Corona-Pandemie, können beis­piels­weise rein digitale Führungen, Lesun­gen oder Tan­za­uftritte die Lücke zum ana­log erfahrbar­en etwas schließen. Sie brin­g­en den Menschen Kunst und Kul­tur ins eigene Wohnzi­m­mer. Die Teil­nehmer können bequem von der Couch aus dem vir­tuel­len Spek­takel bei­wohnen. Häp­pchen ser­viert in ruck­e­li­gen Bildern, Live-Per­form­ances und DJ-Über­tra­gun­gen als Untermalung der Führung oder im Nachgang. Alles gut und schön. Doch erset­zen lassen sich Kul­turer­leb­n­isse vor Ort dam­it nicht.

Und drit­tens set­zt Attrakt­iv­ität nicht zwin­gend Aufwendigkeit voraus. Es gibt genü­gend Theat­er, Kinos oder Konzer­thal­len, der­en Anziehung­skraft kaum aus ein­er aufwendi­gen Architek­tur her­rührt – zumind­est nicht nach mod­ernen Maßstäben kul­tureller Leucht­tur­mver­fechter. Wie sonst ließe sich beis­piels­weise die Renais­sance des „Babylon“ in Ber­lin erklären? Einem Kino, eröffnet im April 1929 und ver­ankert in einem unter Den­k­mals­chutz stehenden Gebäude der “Neuen Sach­lich­keit” am Rosa-Lux­em­burg-Platz. Das Gan­ze wirkt von Außen betrachtet alles andere als den viel­fach pos­tulier­ten Architek­tur­maßstäben mod­ern­er Kunst- und Kul­turhül­len fol­gend. Und doch stim­mt der Inhalt mit legendären Stum­mfil­men, untermalt mit Musik ein­er eigen­en Kapelle, diri­giert von einem Kapell­meister, sow­ie mit Vorträ­gen und Fest­ivals. Der Zus­pruch zeigt: Erfolg im Kunst- und Kul­turbe­trieb ist keineswegs nur eine Res­ultat aus der Verknüp­fung von “Inhalt und Architektur”.

Kunst und Kul­tur für alle erfahrbar
Zurück zur Sack­gasse des Bil­bao-Effekts. Im let­zten Jahr gab es eine Aus­s­tel­lung mit dem Namen “Zugang für Alle” im Architek­tur­mu­seum der Tech­nis­chen Uni­versität München. Dar­in wur­den die Aus­s­tel­lungs­mach­er deut­lich, denn viele Städte welt­weit würden noch immer dem sogenan­nten Bil­bao-Effekt hin­ter­her­rennen – also der Schaf­fung mono­funk­tionaler “Sig­na­tur Archi­tec­ture” durch ber­üh­mte Architek­ten. Diesen Weg wollen und können nicht alle Städte gehen. Gut so.

Denn am Ende geht es auch dar­um, dass Kunst und Kul­tur für alle erfahrbar bleibt. Dam­it eng verknüpft ist der Zugang für alle Menschen zu den Kul­ture­in­rich­tun­gen der Stadt.

Sonst erleben wir das, was im realen Berufs- und All­tagsleben längst Ein­zug gehal­ten hat. Dass über die Frage des Geldes diktiert wird, wer, wann und wo sich auf­hal­ten darf. Wenn das der kul­turelle Weg ist, sind wir nicht weit ent­fernt vom alten Rom mit sein­en “Brot und Spielen” für die “freien Bewohner” der Stadt.

Eng­lish Summary
Bil­bao effect or access for all
These impos­ing and pop­u­lar cul­tur­al land­marks and tour­ist attrac­tions can be found in Bil­bao, Ham­burg and Sydney. We are talk­ing about the archi­tec­tur­al high­lights of these cit­ies, the cul­tur­al temples made of stone.


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