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Wo bin ich und warum?

Wer ken­nt nicht den Aus­s­pruch: “Oh, und falls wir uns nicht mehr sehen: guten Tag, guten Abend und gute Nacht!” So ruft es Tru­man Burb­ank beim Abgang aus der künst­lichen Welt “Seahaven” im Film “Die Tru­man-Show” dem Produzen­ten und “Über­wach­er” Chris­tof ent­ge­gen. Tru­man entschwin­det am Ende ein­fach aus der Kulisse der schön­en hei­len Kunstwelt mit einem per­man­en­ten 360-Grad-Blick auf den Prot­ag­on­isten. Im Klar­text: Er ent­zieht sich der Über­wachung, der Ana­lyse sein­er Per­son. Ein Happy End, gerade nach dem Geschmack Hol­ly­woods. Die Real­ität sieht indes anders aus. In unser­er mod­ernen Welt mit Digit­al­is­ier­ung, Über­wachung und jeder Menge per­son­al­is­iert­er Daten gibt es kein Entkom­men, kein­en Notaus­gang. Hier schreibt das Dre­hbuch nicht Hol­ly­wood, son­dern fed­er­führend sind knall­harte wirtschaft­liche und polit­ische Interessen.

Das heißt, wir alle sind Tru­mans und mit­tendrin statt nur dabei in der Big-Data-Welt mit Algorith­men, Ana­lysen und Ange­boten. Sehr zur Freude von Digit­alun­terneh­men, Online-Händ­lern sow­ie staat­lichen Stel­len. Diese möcht­en die Tür zur uneinges­chränk­ten Datenaus­wer­tung und ‑nutzung gerne weit­er auf­stoßen. Und ganz im Gegensatz zu vielen Kritikern, den­en der klein­ste Spalt, der ein­en Blick in die große weite Daten­welt eröffnet, noch zu groß ist.

In die Hände spielen dürfte den digitalen Akteuren die aktuelle Corona-Krise. Denn in diesem Zuge wird der Ruf nach dem Track­ing von Smart­phone-Daten laut­er.

“Die Dinge, die wir lesen, lesen uns”
“Das Netz, das wir machen, ist nicht das Netz, das wir wollen.” Der das sagte, ist Eben Moglen, seines Zeichens Pro­fess­or für Recht und Rechts­geschichte sow­ie pas­sioniert­er “Net­zkritiker”. Im Rah­men der Inter­netkon­fer­enz “Repub­lica 2016” for­mu­lierte E. Moglen seine Befürch­tun­gen: “Es ist ein Netz der Über­wachung, des Data-Min­ings und des Des­pot­is­mus.” Schon 2012 schrieb “Der Tagesspiegel” in einem Beitrag zu: “Das Inter­net dro­ht uns zu ver­sk­laven”: ” ‘Die Dinge, die wir lesen, lesen uns’, sagt Moglen. Wir würden bei jedem Sch­ritt beo­bachtet und ver­fol­gt und es sei das ober­ste Ziel der Anbi­eter, diese Daten aus­zuwer­ten, um das mensch­liche Ver­hal­ten vorherzus­agen.”
Schwar­z­malerei oder längst Real­ität? Bei dieser Frage gehen die Mein­un­gen weit aus­ein­ander. Es tref­fen Skep­tiker und Kritiker auf Befür­wort­er und Ver­fechter der digitalen Welt mit all ihren Vor- und Nachteilen. Dies zeigt sich umso deut­lich­er in der bereits skiz­zier­ten Diskus­sion um das Smart­phone-Track­ing hierzu­lande und dem Hin­weis auf die schein­bar pos­it­iven Effekte des Gan­zen in Südkorea oder Singapur. Die digitale Über­wachung­sall­macht Chi­nas im Kampf gegen das Vir­us ist ein wei­t­eres Beis­piel, das gerne ins Feld geführt wird. Dam­it lässt sich die sonst mehr oder weni­ger stark geäußerte Kritik an der totalen Kon­trolle der chin­es­is­chen Bür­ger mit Videoüber­wachung und Scor­ing leicht relativier­en.

Längst ist ein vir­tueller Kampf um die vorherrschende Mein­ung des Pro und Kon­tra ein­er durch und durch digit­al­is­ier­ten Welt ent­bran­nt.

Die Hauptdarsteller: (Daten-)Unternehmen, Mar­ket­ing­strate­gen, Lobby­grup­pen, Gew­erkschaften, Politik, Wis­senschaft und Forschung sow­ie Nichtre­gier­ung­sor­gan­isa­tion­en und Medi­en­kritiker. Ihr gemein­sames Ziel liegt viel­fach in der Unein­igkeit mit wider­sprüch­lichen Aus­sagen, Mein­un­gen und Einsch­ätzun­gen – je nach Interessen­lage im polit­ischen und gesell­schaft­lichen Kon­text. Und Corona bieten allen die (legit­ime) Grundlage zum Track­ing der Bür­ger.

Digit­al weggespült
Ein­ig war­en sich dage­gen die Mach­er des sogenan­nten “Cluetrain Mani­festo”. Sie schrieben einst ihre 95 Thesen zu Märk­ten und Mar­ket­ing und leiteten das Pamph­let mit ein­er Präam­bel ein: “Online-Märkte … Vernet­zte Märkte beginnen sich schneller selbst zu organ­is­ier­en als die Unterneh­men, die sie tra­di­tion­ell beliefert haben. Mith­il­fe des Web wer­den Märkte bess­er informiert, intel­li­genter und fordernder hinsicht­lich der Charaktereigenschaften, die den meisten Organ­isa­tion­en noch fehlen.”

Das war 1999. Zu ein­er Zeit, als kein­er unsere mod­erne Daten­welt mit ihren vernet­zten Struk­turen sow­ie den Mög­lich­keiten der Interak­tion und Ana­lysepo­ten­ziale voraus­sagen kon­nte. Im Grunde gen­om­men war es ziem­lich avant­gard­istisch, wie die Autoren des Cluetrain Mani­festo die Welt von mor­gen sahen. Und diese radikale Vorausschau der Gruppe an Vorkäm­p­fern hat sich in vielen Teilen ihr­er Thesen bewahrheitet. Dort ist unter ander­em zu lesen: “Eure über­hol­ten Vor­stel­lungen von ‘dem Markt’ haben eure Sicht verne­belt. Wir erkennen uns in euren Entwür­fen der Wirk­lich­keit nicht wieder – viel­leicht, weil wir wis­sen, dass wir schon ganz woanders sind.” Weit­er heißt es: “Der neue Mark­t­platz gefällt uns viel bess­er. Tat­säch­lich schaf­fen wir ihn uns näm­lich sel­ber.”

Und die Autoren soll­ten Recht behal­ten. Ein Blick auf unsere mod­ernen Märkte zeigt vor allem eins: Digit­al­is­ier­ung, Vernet­zung und Datenaus­wer­tung. Sprich, wer noch am ana­lo­gen “Plan­wa­gen-Verkauf­s­den­ken” fes­thält, poten­zi­elle Kun­den nach dem Zufall­sprin­zip ein­fängt und über eine man­gel­hafte Inform­a­tions­grundlage ver­fügt, ger­ät als Unternehmer auf die Ver­lier­er­straße. Dras­tisch for­mu­liert, bedeutet das für die Unterneh­men, dass sie digit­al weggespült wer­den. In der aktuel­len Krise mit einem (fast) nicht mehr existi­er­enden Ein­zel­han­del zeigt sich dieses Dilemma deut­lich.

Das Cluetrain Mani­festo for­mu­liert es wie fol­gt: “Den tra­di­tion­el­len Unterneh­men mögen die vernet­zten Gespräche ver­wor­ren und ver­wir­rend erschein­en. Aber wir organ­is­ier­en uns schneller, als sie es tun. Wir haben die besser­en Werkzeuge, mehr neue Ideen und keine Regeln, die uns auf­hal­ten.” Amazon & Co. sow­ie staat­liche Stel­len lassen grüßen – heute mehr denn je. Und wer hält sie auf in der Beant­wor­tung der Frage: Wo bin ich und war­um? Im Zweifel kein­er.

Eng­lish Sum­mary
Where am I and why?
The cur­rent corona crisis could well play into the hands of the major digit­al play­ers. This is because the calls for track­ing smart­phone data are grow­ing louder right now.


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